Kreta – Klettergeheimtipp im Mittelmeer
20/02/2025Griechenland als Kletterdestination zu loben ist wie (Sinters(ä)) Eulen nach Athen zu tragen. Kalymnos, Leonidio und Manikia ist in aller Munde. Aber habt ihr schon von Klettern auf Kreta gehört? Tatsächlich wirkt es so, als würde Kreta als Kletterziel in einem Dornröschenschlaf schlummern. Derweil könnte man davon ausgehen, dass Griechenlands größte Insel sehr viel Potenzial und attraktives Klima zum Klettern bieten würde. Und tatsächlich ist es auch so. Nur ist bisher erst ein Bruchteil erschlossen, und die erschlossenen Gebiete liegen stellenweise sehr weit auseinander. Wahrscheinlich hat deshalb Kreta als Kletterziel noch nicht die volle Aufmerksamkeit erhalten und die Community an lokalen Kletterern ist sehr klein. Und genau das macht Kreta zum Klettern aber sehr attraktiv.
Warum Griechenland?
Ich habe mit meiner Familie die Insel besucht und bin absolut begeistert. Wir haben die zentralsten Klettergebiete besucht, wurden herzlich von den lokalen Kletterern empfangen und durften auf der zu dieser Zeit touristenleeren Insel perfekte Kletterbedingungen erleben.
Unser Fazit: Es bleibt nicht der letzte Besuch und wir freuen uns drauf, was hier in Zukunft noch alles entstehen wird.
Warum Kreta?
Man nimmt alle Punkte von oben, aber erfreut sich daran, dass es hier noch nicht überlaufen ist und noch so viel Potential für neue Wände und Routen besteht, dass man am liebsten sofort den Job kündigt und mit Bohrmaschine und Haken nach Kreta zieht.
Beste Zeit:
Im Frühjahr und Herbst findet man die besten Bedingungen zum Klettern und kann außerhalb der Haupttouristenzeit günstige Flüge und Unterkünfte ergattern. Der Herbst bietet zusätzlich den Vorteil, dass das Meer noch warm genug ist zum Baden. Der Winter wird stellenweise wettertechnisch unbeständig und kalt. Aber es gibt einige Gebiete, die auch im Winter besucht werden können. Der Sommer dürfte wohl in den meisten Gebieten zu heiß werden, außerdem ist die Insel dann deutlich mehr von Touristen geflutet, was die Preise nach oben treibt und die Strände überfüllt. Aber selbst dann kann man in höher gelegene Gebiete ausweichen.
Unser Besuch Ende November stellte sich als ideale Wahl dar. Mit durchschnittlich 20°C Luft und 21°C Wassertemperatur, trockenem Wetter und Fels, haben wir zwei ideale Wochen erwischt.
Anreise:
Die Hauptstadt Heraklion ist aus vielen Städten mit Direktflügen erreichbar. Von dort kommt man mit dem Mietauto über gut ausgebaute Schnellstraßen und Autobahnen in alle Richtungen. Die individuellen Zufahrten in die jeweiligen Klettergebiete führen aber stellenweise über eher kleine oder schlechte Straßen, oder sogar mitten durch den Ziegenstall oder das ausgetrocknete Bachbett.

Agia Farango – Zufahrt
Die Klettergebiete:
Lang genug auf die Folter gespannt: Jetzt gibt es geballte Kletteraction.
Die Insel erstreckt sich auf 260km von Osten nach Westen und wird von einem schroffen Gebirge durchzogen. Deshalb beschränken wir uns bei unserem Besuch auf Gebiete, die von unserem Stützpunkt bei Mires im zentralen Süden innerhalb 1,5h erreichbar sind. Weiter im Osten und Westen gibt es noch viel mehr.

Agio Farango – A Muerte
Agio Farango:
Im zentralen Süden der Insel befindet sich die „Schlucht der Heiligen“, eines der bisher größten Klettergebiete auf Kreta. Eine malerische Schlucht mit 16 Sektoren und über 160 Routen von 4 bis 8c verteilt auf beiden Seiten geben einiges an Auswahl. Die meisten Sportklettersektoren sind auf der vormittags schattigen Seite, während die Mehrseillängen meist auf der anderen sonnigen Seite zu finden sind. Über ca. 2km zieht sich die Schlucht mit dem flachen Bachbett bis hin zu einem traumhaften Strand.

Hier geht es bereits bei der Anfahrt etwas abenteuerlich zu. Die letzten 3km führen über eine Schotterstraße in eher fragwürdigem Zustand, hindurch durch ausgewaschene trockene Bachbetten, die sich nach stärkerem Regen schnell füllen können, mitten durch den Ziegenstall und unzählige Schlaglöcher. Mit etwas Gefühl schaffen wir die Fahrt mit unserem „normalen“ Familienkombi aber gut. In mitten der Ziegen parken wir das Auto und wandern auf dem flachen Bachbett in die Schlucht. Die Felswände bäumen sich auf beiden Seiten auf, während die riesigen Geier über uns kreisen und wohl auf abstürzende Ziegen warten. Handyempfang gibt es schon seit der letzten 5km Zufahrt nicht mehr und wir sind absolut alleine in der Schlucht. Nur ein Ziegenhirte kommt vorbei, als wir gerade die ersten Aufwärmrouten klettern und erklärt uns, dass es hier keine Ambulanz oder Hubschrauber gibt. Hier kommt niemand zum Retten. Passieren darf also nichts.

Wir beginnen im Sektor „A Muerte“. Wie passend. Die Aufwärmrouten auf der Seite der Höhle sind nicht zu unterschätzen. Schnell stellen wir fest, dass die Bewertung gerade im 6ten franz. Grad deutlich herausfordernder ist. Mit dem Blick auf die Hakenabstände erinnern wir uns schnell wieder an die Worte des Ziegenhirten.
Als später an der gegenüberliegenden Wand ein Pärchen in eine Mehrseillängentour startet und hier und da ein paar Wanderer vorbeikommen, fühlen wir uns etwas wohler.
In der Höhle geht es mit einer traumhaften Sinter 6c weiter die stark an Kalymnos erinnert. Die Kingline des Sektors entlang einer einzelnen Sinterspur an der linken Höhlenkante erregt unser Interesse. „Sto Hilos tis Aosis“ 7c verlangt uns an unserem ersten Klettertag etwas Mut ab. Die erstklassige Ausdauerkletterei mit einem harten Microleistenfinale ist kein Geschenk aber ein guter Einstieg in den Urlaub. Die Ziegenglocke am Umlenker verkündet den erfolgreichen Durchstieg.

Wir bewegen uns weiter Richtung Strand, vorbei an einer Kapelle bis hin zu Wänden, direkt am Strand. Baden oder Klettern? Gerne beides.
Auch für die Kinder hat die Schlucht einiges zu bieten. Ein unglaublicher Olivenbaum wird zum heißbegehrten Kletterobjekt und lenkt eine Weile von den Felswänden ab. Der flache Schluchtgrund mit trockenem Bachbett bietet sicheres Spielgelände für die Kinder und die meisten Sektoren haben absolut ebenen Platz mit Sand und Kieseln davor. Nur die für uns eigentlich attraktivsten Sektoren „A Muerte“ und „Hezbollah Cave“ starten weiter oben und sind für die Kinder eher weniger geeignet. Deshalb beschränken wir uns dort auf einige wenige, aber dafür sehr gute Routen im 7ten franz. Grad.

Auf jeden Fall ist ein Helm für Kletterer und Kinder ratsam, denn die Ziegen klettern mit Leichtigkeit quer durch einige Wände und treten hier und da ein paar Steine los.
Im Sommer ist der Strand anscheinend stärker Besucht und man ist in der Schlucht nicht alleine.

Fazit: Eine traumhafte Schlucht mit erstklassigen Routen, aber gewissem Abenteuerfaktor.
Plakias:
Eine Wand, die man gesehen haben muss. Wie mit einem scharfen Messer abgeschnitten steht die Aalglatte Wand neben einem im Sommer hochfrequentierten Traumstrand. Im November muss man die Wand und den Strand kaum teilen. Die nackte Wand zieht alle Blicke auf sich, selbst wenn der FKK Abschnitt des Strandes direkt darunter liegt. Und die nackte Wahrheit wird einem schnell klar: Hier gehts etwas anders zu. Genug der Wortspiele und Finger in den Spalt: Risse gibt es hier nämlich einige und sind meist auch die überhaupt einzige Struktur der Wand. Hier und da zieht sich auch eine Hakenreihe durch die ansonsten glatte Wand und schnell wird klar, dass die „8a“ hier spezielle Fähigkeiten erfordert.
Aber die Wand sieht einfach zu genial aus, um von uns ungeklettert zu bleiben.

Im zentralen Teil bildet die Wand eine markante Schwachstelle, die henkelige Kletterei an wabenartiger Struktur im fünften Grad bietet. Muss man einfach machen. Danach in die hier ortsübliche Paradedisziplin, die allerdings nicht zu meinen Favoriten oder Meisterfähigkeiten zählt: Rissklettern durch die ansonsten strukturlose Wand. Eine 6b sollte auch für mich machbar sein, fordert mich aber tatsächlich, vor allem weil der Fels etwas schwitzt und feucht ist.

Weiter rechts ziehen ein paar Sinterstrukturen durch die Platte nach oben. Allerdings neigt die Wandneigung dazu den Sinter nur sehr flach und strukturlos auszubilden. Hier wird nur derjenige erfolgreich sein, der Zehen aus Stahl und ausgeprägte Balancefähigkeiten hat. Wir ziehen ausnahmsweise doch den Strand vor und stürzen uns in die Fluten statt von der Wand. Mit dem erstklassigem Sandstrand lassen sich auch die Kinder leicht dazu überzeugen.

Weitere Gebiete im zentralen Teil der Insel versprechen noch viel Potential für zukünftige Besuche:
Rechtras/Oxys:
Die Lokals aus Heraklion legen uns ein brandneues Klettergebiet unweit unserer Basis ans Herz. Hoch über dem Tal von Mires bäumt sich eine majestätische orangene Wand auf und bietet aktuell über 20 lange und senkrechte Routen zwischen 5c und 7c+ mit fantastischer Aussicht über das ganze Tal. Leider erfahren wir zu spät davon und der Wandfuß erscheint für unsere dreijährigen Kinder etwas ungeeignet. Der Blick ins Topo und auf die Bilder verspricht aber eine lohnende Ergänzung im zentralen Kreta.

Heraklion
Kyra vrisi
Auf halber Strecke nach Plakias befindet sich ein höher gelegenes Klettergebiet, dass etwas kühler Temperaturen für warme Tage bietet. Trotz Südausrichtung kann hier von Frühjahr bis Herbst gut geklettert werden. Über 60 senkrechte und überhängende Routen von aktuell 5 bis 7b+ geben einiges an Spielgelände. Hier ist noch einiges an Potential für deutlich mehr und auch schwierigere Routen vorhanden.
Kotsifou
In der Schlucht unweit von Plakias findet man einen weiteren Topsektor mit zwei steilen Wandbereichen gespickt mit Sintern. 23 Routen hauptsächlich im Bereich von 7b bis 8c sind eine perfekte Spielwiese für alle Hardmover.
Über die Insel verstreut gibt es noch viele weitere Klettergebiete, die einiges Versprechen aber aufgrund der Entfernung ebenfalls auf einen anderen Besuch warten müssen. Darunter seien aber zumindest einige erwähnt.
Tersanas Cave
Am nordwestlichsten Ende der Insel befindet sich unweit einer der schönsten Strände der Insel eine gigantische Höhle mit unzähligen Sintern und steilen Routen. Alleine die Bilder beeindrucken uns so sehr, dass wir fast die dreistündige Anfahrt in Kauf genommen hätten. Der zusätzlich 45minütige Zustieg ist mit den Kindern dann einfach doch zu weit.
Theriso Gorge
Nur 15km von Chania befindet sich die malerische Schlucht mit knapp 200 Routen verteilt auf 20 Sektoren und ist besonders Einsteiger und etwas fortgeschrittenere Kletterer eine gute Wahl. Der Großteil der Routen liegt im Bereich 6a bis 7a. Aber auch leichtere und schwerere Routen sind zu finden. Mit einer Ausrichtung nach Südost, bleiben die meisten Wänder vormittags im Schatten und werden ganzjährig beklettert. Die meisten Sektoren sind einfach erreichbar, da sich die asphaltierte Straße durch die Schlucht zieht.
Im Südosten scheint das Potential für Kletterrouten ebenfalls unaufhörlich, wobei mit den Gebieten Kapetaniana, Treis Eklisies, Zakros schon einiges erschlossen ist.
Fazit: Hier wird sich in den nächsten Jahren noch einiges tun. Und vielleicht erhält die Insel ja die Aufmerksamkeit als Kletterziel, die es verdient hat. Überfüllung ist aber selbst dann erstmal kaum zu befürchten.

Topos:
Stand Ende 2024 gibt es keinen aktuellen Kletterführer in gedruckter Form. Allerdings lassen sich sämtliche Information auf thecrag.com und 27crags finden. Auf der griechischen Website vrahomania.gr findet man weitere detailierte Informationen. Damit ist man soweit gerüstet, um sich in den erschlossenen und bekannten Gebieten sehr gut zurecht zu finden.








