Großglockner – über den Stüdlgrat (AD / III+)

10/09/2016 Aus Von Michael Huber

Tourensteckbrief

Schwierigkeiten bei unserer Begehung: AD / III+ (ZS).
Webcam: https://stream.webcams.travel/1485562098
Hüttenzustieg:  Lucknerhaus bei Kals – Stüdlhütte 880hm; 1,5h – 2,5h (Im Abstieg: 1,5 – 2h)
Stützpunkt:  Stüdlhütte, HP 44,50€ (Stand 2016)
Gehzeiten: Stüdlhütte – Großglockner knapp 1000hm;
1 – 2h h bis Einstieg Stüdlgrat, weitere 3 – 4h Kletterei bis zum Gipfel, Abstieg  (je nach Verhältnissen, Verkehr)
Abstieg direkt zum Lucknerhaus ohne Umweg über die Stüdlhütte: 2 – 3h; (je nach Verhältnissen, Verkehr)
Material: 30m Kletterseil, 4 Expressen, EispickelSteigeisen, 4 BandschlingenSicherungsgerät
Tour durchgeführt am: 3-4.09.2016GPS Track zur Tour auf den Großglockner über den Stüdlgrat könnt ihr hier herunterladen:
https://www.verticalextreme.de/Blog/Großglockner_Stüdlgrat_GPX_Track_GPS.gpx

 

An einem sonnigen Samstagnachmittag Anfang September machen wir uns auf den Weg nach Kals in den Hohen Tauern. Dort treffen wir gegen 17:00 Uhr nach den obligatorischen Staus ein. Nun heißt es keine Zeit mehr verlieren, damit wir die 800 hm Zustieg zur Stüdlhütte noch pünktlich zum Abendessen hinter uns bringen. Trotz der späten Ankunft am Parkplatz, hetzen wir uns beim Hüttenzustieg nicht unnötig ab, da wir wissen, dass der morgige Tag mit Sicherheit anstrengend wird. Der zuhause geschmiedete Plan sieht vor, dass wir den Großglockner über seinen Nordwestgrat besteigen. Als das Abendessen in den letzten Zügen liegt kommen wir an der Hütte an. Das Abendessen auf der Stüdlhütte kann sich wirklich sehen lassen, ein großes Buffet das jeden Geschmack zufrieden stellt steht zur Verfügung.

Großglockner Nordwestgrat – Blick vom Stüdlgrat

Über den Gletscher Richtung Stüdlgrat

Da der Großglockner Nordwestgrat ein gutes Stück länger und zum Teil auch schwieriger ist als der Stüdlgrat, verzichten wir auf das Hüttenfrühstück um 5:00 Uhr und stellen uns den Wecker auf 4:00 Uhr. Nach einer kurzen und dank einiger Extremeschnarcher im Lager nur mäßig guten Nacht, starten wir gegen 4:30 Uhr. Kurz vor uns sind noch zwei andere Seilschaften, dennoch befürchten wir nicht, dass diese in die selbe Route einsteigen wie wir, da der Nordwestgrat als eher selten gemacht gilt. Am Gletscher angekommen, legen wir Gurt und Steigeisen an und verzichten vorerst auf das Seil, da der Gletscher hier aper ist. Langsam beginnt es zu dämmern und das erste Tageslicht gewährt uns einen Blick auf unser geplantes Unternehmen. Die Firnrinne hoch zum eigentlichen Nordwestgrat ist kaum vorhanden. Stattdessen hat der fehlende Firn eine nicht sonderlich einladende Schuttrinne freigelegt. Wir überlegen nicht lange und verschieben den Nordwestgrat auf einen früheren Zeitpunkt nächstes Jahr. Glücklicherweise stehen wir ja direkt vor einer nicht weniger interessanten Alternativtour – dem klassischen Stüdlgrat. Nur eine kurze Strecke über den Gletscher Richtung Grat trennen uns vom Einstieg. Doch dann kommt uns noch eine kleine Verzögerung dazwischen. Der inzwischen mit Firn bedeckte Gletscher wird spaltenreicher und die noch vorhandenen Schneebrücken machen keinen sonderlich vertrauenserweckenden Eindruck mehr. Kurzerhand holen wir das Seil aus dem Rucksack geholt und weiter geht`s. Eine gute Entscheidung! Nur wenige Meter nach dem Anseilen verschwindet mein Patner bis zur Hüfte in einer Spalte! Doch das hält uns nicht lange auf. Mike ist in wenigen Sekunden wieder auf den Beinen und wir gehen die letzten Meter bis zum Einstieg.

Großglockner Stüdlgrat – Blick vom Frühstücksplatzerl

Klettern am Stüdlgrat

Am Fuß des Stüdlgrats angekommen gibt es zur Stärkung ein kleines Frühstück. Wir verstauen das Seil weider im Rucksack und beginnen mit der leichten Kletterei. Der Weg ist gut ausgeräumt und somit offensichtlich. Oft gibt es mehrere Wegvarianten wobei alle zum Ziel führen. Prinzipiell ist es schneller dem Weg der unterhalb des Grats zu folgen. Über den Grat geklettert wird später noch lange genug. Schnell sind wir beide im Kletterflow und gewinnen rasch an Höhe. Es dauert nicht lange bis wir die zwei Seilschaften vor uns eingeholt haben, woraufhin wir beschließen etwas das Tempo zu drosseln. Die schöne Landschaft der Hohen Tauern will ja auch beachtet werden und auf waghalsige Überholmanöver steht uns nicht der Sinn. Am Frühstücksplatzl angekommen lassen wir uns nicht bitten und nehmen ein kleines Frühstück zu uns. Ein Schild mahnt, dass Stüdlgrat Aspiranten bis hierher nicht mehr als 3 Stunden unterwegs sein sollten, da erst ab hier die Hauptschwierigkeiten beginnen. Als die zwei Seilschaften vor uns genug Vorsprung haben, damit wir ungestört klettern können, geht es los.

Die Schlüsselstelle am Großglockner Stüdlgrat

Der erste Blick vom Frühstücksplatzl nach oben lässt uns kurz überlegen ob wir das Seil wieder aus dem Rucksack holen. Die steile Stelle ist aber mit einem kurzen Tau schnell überwunden und danach geht es wieder weniger Steil und immer schön griffig weiter. Dann wird der Grat ausgesetzter und steiler, bleibt dabei aber kompakt und großgriffig und ermöglicht ein flottes höhersteigen. Das Gelände ist nicht besonders schwierig, jedoch sollte man sich gut überlegen ob man seilfrei geht. Ein Fehltritt ist in diesem Gelände keine Option. Der komplette Aufstieg ist selbsterklärend, da der Grat gut mit Eisenstangen und kurze Passagen teilweise sogar mit Fixseilen versichert sind. Im oberen Drittel angekommen, stehen wir vor der ersten Schlüsselstelle, wo wir das Seil hervorholen. Man klettert an scharfen Leisten direkt auf den Grat und macht einen hohen Schritt auf eine trittarme Platte. An deren Ende locken schon die griffige Gratkante. Zwei Bohrhaken geben Sicherheit und lassen schon fast Klettergartenfeeling aufkommen. Der Gipfel und der Flaschenhals im Abstieg, das sogenannte Leiterl, ist schon in Sichtweite. Wir queren ein breites Band und kommen prompt zur nächsten Schlüsselstelle. Ein kleiner, griffloser Überhang über den ein Tau herunterbaumelt. Zwei Klimmzüge und auch diese Stelle ist überwunden. Danach geht es unschwierig die letzten Meter bis zum Gipfel, den wir um 8:40 Uhr, noch bevor die Schar an Normalwegbezwinger eintrifft, erreichen.

Max Englhart und Michael Huber vom VerticalExtreme Team am Großglockner Gipfel

Am Großglockner Gipfel und Abstieg

Die wohlverdiente Gipfelpause ist unerwartet ruhig für einen Prestigegipfel wie den Großglockner. Die beiden anderen Seilschaften verharren nicht lange und wir geniessen die spektakulären Blicke tief hinunter zur Pasterze 30 Minuten alleine. Bevor die Menschenmassen vom Normalweg bei uns eintrudeln machen wir uns Richtung Adlersruhe, der höchstgelegenen Hütte Österreichs, an den Abstieg. Die Kletterei bergab geht bei solch guten Bedingungen wie heute leicht von der Hand und wir kommen trotz des Staus bergauf gut voran, da wir diesen einfach rechts umklettern. Am Ende des Grats wird es unangenehm. Ein fast abgeschmolzenes, matschiges Firnfeld leitet hinunter zum Gletscher vor der EHJ – Hütte. Wir seilen zwei Mal an den Eisenstangen ab und laufen die letzten Meter bis zur Hütte. Wir verstauen die Kletterausrüstung im Rucksack und folgen den mit Fixseilen versicherten Steig in Richtung Gletscher. Wir lassen die Stüdlhütte rechts liegen an steigen auf unscheinbaren Pfaden direkt nach unten bis wir wieder auf den Aufstiegsweg Richtung Tal treffen. An der Lucknerhütte gönnen wir uns zur Stärkung für die Heimreise noch eine hervorragende Portion Kasspatzn und einen Spezi! Der Großglockner ist inzwischen von Wolken verhüllt und ein Gewitter steht kurz bevor.

Rund um ist die Tour auf den Großglockner über den Stüdlgrat eine interessante und alpine Gratkletterei, die schon etwas an Kletterniveau fordert. Dank der guten Versicherung und leichten Wegfindung ist die Tour gut für Einsteiger in den Alpinismus eignet.