Fleischbank Ostwand – Odyssee (9+, E6-)

Fleischbank Ostwand – Odyssee (9+, E6-)

30/09/2016 Aus Von Gast
Interview: Mountain Elements – Danke an die Bergführer von Mountain Elements für dieses Interview!
Mountain Elements – die Adresse für Bergabenteuer aller Art in Bad Aibling.
Fotos: Fabian Hagenauer

Unser Kollege aus der Logistikabteilung, Marinus Gottwald, hat am 28.08.2016 zusammen mit seinem Kletterpartner Fabian Hagenauer eine der seltenen Wiederholungen der berühmtberüchtigten Odyssee für sich verbuchen können.

Die Odysse an der Fleischbank Ostwand ist eine der psychisch anspruchsvollsten Touren im Wilden Kaiser. Wer einmal dort zum Alpinklettern unterwegs war kann sich vielleicht ausmalen, was das zu bedeuten hat.

Erstbegangen wurde die berüchtigte Klettertour im Jahr 1984 von Wolfgang Müller und Prem Darshano. Erst 2002, also 18 Jahre später, fand die zweite Begehung der Odyssee durch Erich Weißsteiner und Chris Gröber statt. Die nächste Begehung erfolgte 2015 durch Guido Unterwurzacher und seinen Seilpartner Simon.

Unsere Kollegen von Mountain Elements haben die zwei Kletterer kurz nach ihrer haarsträubenden Begehung interviewt:

Marinus Gottwald beim Klettern in Odyssee an der Fleischbank

Erstmal Glückwunsch zur Begehung! Hand aufs Herz: Ihr seid ja nicht an der Griesner Alm ausgestiegen ausm Auto und habt gedacht, „ach, heute klettern wir mal Odysse“, oder?

Marinus: Es hat so angefangen, dass wir uns das Ganze schon länger in den Kopf gesetzt haben. Und da ist der Fabi der perfekte Ansprechpartner. Der ist auch guad stark unterwegs und da hab’ ich gewusst, mit dem kann man sowas einsteigen.

Fabi: Wir haben auch schon ein paar schwere Sachen zusammen gemacht und da ist man schon ein gutes Team. Dann kann man das miteinadner angehen, wenn man weiss, was der andere kann. Und zudem hatten wir die eine Woche mit perfektem Wetter und die Chance auf trockene Verhältnisse in der Tour. Denn das ist irgendwie selten dort. Dann war klar: Sonntag mias mas machen – Sonntag oder nie (beide lachen).

 
Sozusagen ein Sonntagsgeschenk?

Fabi: Genau.

Marinus: Von der Mythomania (Anm. hatte Marinus die Woche zuvor geklettert) hab‘ ich schon gewusst, dass die oben noch nass war, aber dass drei trockene Tage reichen, damit das gut trocknet und deswegen war klar: Jetzt ist es Zeit, mit dem Fabi da einzusteigen – denn trocken muss es schon sein.

 

Weite Runouts und lange Hakenabstände prägen den Charakter der Odyssee in der Fleischbank

Ihr seid ja ein eingespieltes Team. War die Stimmung am Einstieg diesmal anders?
Marinus: (grinst)…naja…

Fabi: Man hat sich die Tage davor schon gut drauf vorbereitet. Zwei Tage davor war ich noch Sportklettern, da hab ich dann mal eine Tour weniger gemacht und man hat sich schon anders drauf vorbereitet als auf eine andere Tour. Aber am Tag selbst, war’s gewohnt locker.

Marinus: Ja, war schon wichtig am Tag davor Pause zu machen. Nur See flaggn (=am See liegen) und dann hab ich in der Nacht schon ein bisl drüber nachgedacht und gewusst, dass wir da schon einsteigen werden.

 
Wart Ihr vorm Wecker wach?

Beide: (lachen)…ja.

 

Saugende Tiefe in der Odyssee

Wenn man das Topo der Tour anschaut, ist der nominell schwierige Teil im unteren Abschnitt, den ersten 4 Längen, mit einer 8+ Länge und der 9- Länge. Man munkelt aber, dass es bis zum Schluss spannend bleibt. Erzählt doch mal Euren Bickwinkel auf die einzelnen Abschnitte der Tour!

Fabi: Also wenn man oben (nach dem ersten Abschnitt) in dem Gulli drin ist, kommt ja noch eine 7+. Von der weis man schon, dass es da wenig zum Absichern gibt. Da war der Fels aber dann relativ gut. Ich hab die Seillänge dann geführt und mir Zeit gelassen, konnte es aber recht sicher klettern. Wobei man echt gut aufpassen musste.

Marinus: Mir hat das als Sichernder sehr getaugt wie der Fabi da rauf geklettert ist. Am Anfang bin ich noch gestanden, irgendwann hab’ ich mich dann aber schon hinhocken müssen -(Fabi lacht)- weil des war so entspannt wie er da rauf ist. Da habe ich gewusst: der Fabi fliegt da nicht.

Fabi: Die ist ja auch richtig lang, die Seillänge, fast 50m, zu einem ziemlich grausigen Stand. Dann ist mir auch noch was Blödes passiert. Da wollt’ ich Stand bauen in so einem Kamin drin, wollte einen Hex über meinem Kopf legen – und zack – hab ich mir den Hex voll auf die Nase gehauen (siehe Bild).

Marinus: Uns es ist halt dann so wie es im „Koasa“ halt so oft ist. Die leichteren Seillängen sind oft die schwierigeren. Und die 8- am Ende, die war dann so klitschig und schleimig, so einen Riss rauf, den man nicht gscheid absichern kann und der Stand drunter – weist ja eh – da mogst a ned „einescheban“ (= da sollte man nicht stürzen;-)).

Fabi: Ja, ganz komische Kletterei. So ein richtiger offwidth, wo man so ungut drin hängt, echt nochmal schwer zum Klettern.

Fabian Hagenauer und Marinus Gottwald feiern ihren Erfolg nach der erfolgreichen Durchsteigung

Ihr habt ja einen waschechten Seilschafts-Rotpunkt hingelegt? Wie seid Ihr taktisch geklettert?

Fabi: Also die erste Seillänge ist gleich gegangen. Ich bin vor-, der Marinus nachgestiegen. Und bei der 2ten sind wir mit Einfachseil geklettert und haben das Halbseil nur als Abseilleine oben am Stand fixiert. An dem hat der Marinus nach dem ersten Versuch wieder abgeseilt. Dann hab’s ich probiert, bin auch gefallen, gleich nochmal rein und dann hat’s geklappt.

Marinus: Ich hab dann ein bisl Pause gebraucht. Als ich das erste Mal zum Stand rauf bin, war ich echt so übelst fertig. Beim Onsight war’s echt anstrengend, weil ich oft die Hakl noch aus dem Kletterposition heraus miteinander verbunden und verlängert hab’… das ist sauanstrengend. So hat der Fabi dann „gleich direkt die Sets einschenken können (= 2x in Folge probieren ;-)) und ich konnte direkt nachkommen. War praktisch.

Fabi: Da war’s eh mal spannend…mit dem Wetter…

Marinus: Ja, vielleicht komm‘ ma da ja später noch drauf zu sprechen..

 

Was war DER Augenblick für jeden Einzelnen von Euch? Welcher Moment ist bei Euch sofort im Kopf?

Fabi: (lacht) Also wenn ich mich jeden Tag im Spiegel seh’ und die Narbe vom Standplatzbauen…kann ich mich schon eine Zeit erinnern.

Marinus: Bei mir war das eigentlich die allererste Seillänge. Wie der Fabi da den Onsight geschafft hat, da hab‘ ich direkt gewusst: Heute geht was, jetzt können wir Druck machen. Der Onsight war für die Motivation extrem wichtig.

 

Wieder zurück am festen Boden

Wie würdet Ihr die Tour im Rückblick für Euch einschätzen? Die anspruchsvollste Alpintour bisher?

Marinus: Hmm…nach der 8- war ich schon echt richtig g###### im Kopf…

Fabi: Ich hatte schon sehr großen Respekt vor der Tour und war sehr gespannt wie das wird. Aber dann, wie wir in der Tour waren, hab’ ich mich doch relativ sicher gefühlt. Da war ich eigentlich erleichtert, dass es doch nicht so schlimm ist, wie ich mir das vorgestellt hab’.

Marinus: In der Schlüsselseillänge sind auch sicher noch einige Hakl und Klemmkeile dazu gekommen. Wie auch immer das gegangen ist. Die Schlüsselseillänge ist deswegen absolut safe, da kann man jeden Meter fliegen. Im Endeffekt ist es die erste Seillänge. Die ist echt anspruchsvoll und für 8+ darfst ganz schön hinlangen, grad so als warm-up…

Fabi: Ist auch ein bisl ein Überhang, gleich mal pressig, man ist noch kalt und es pumpt von Anfang an…und die letzten beiden Längen sind auch anspruchsvoll.

 
Für die Wenigen, für die eine Wiederholung in Frage kommt, welchen Insidertipp habt ihr?

Fabi: Wenn Du die zweite Seillänge punkten willst, muss man auch unsere Taktik fahren, mit einem Einfachseil zu klettern und eines zum Abseilen am Gurt hängen zu haben. Weil für ein Einfachseil ist die Seillänge zu lang zum Abseilen. Und die letzte Seillänge darf man nicht unterschätzen.

Marinus: Ich finde, man muss auch einen Kletterpartner mitnehmen, mit dem man Spaß haben und auch zwischendrin scheiße labern kann, damit das nicht zu ernst wird. Das muss locker angegangen werden. Und…wenn Du im Klettergarten bei 9- am Limit bist, solltest Du vielleicht nicht direkt einsteigen (lacht).

 
Ach ja genau, last but not least, wie war das mit dem Wetter?

Marinus: Ja, das war ziemlich cool. Wir sind da am Ausstieg gesessen und da ist ein Bohrhakenstand von „Bodenlos“, einer anderen Tour. Dort hab‘ ich dann eingehängt, Fabi ist nachgekommen und wir haben erst mal einen Schnaps getrunken. Als wir abgeseilt und genau wieder am Einstieg waren, fängt’s das Tröpfeln an…es ist sich also direkt ausgegangen, perfekt.

Fabi: Und das mit dem Regen passiert und ja gern mal (schmunzelt).

 
Fabi, Marinus, Danke für Eure spannenden Einblicke und Eure authentische Art über die Tour zu erzählen! Nochmal Hut ab und Glückwunsch zur Rotpunkt-Begehung der Odyssee.