Klettern in Rodellar, Spanien
04/07/2018Klettern in Spanien ist nicht nur im Winter ein Traum, sondern auch im Sommer unbedingt eine Empfehlung. Nach langer Zeit hat es mich wieder in eines der besten Klettergebiete – nach Rodellar am Rande der spanischen Pyrenäen – gezogen. Dort stellte ich wieder einmal fest, was dieses Klettergebiet so sensationell macht. Und bei diesem Trip war es einfach noch viel besser als bei den letzten Besuchen vor 6 bzw. 9 Jahren.

Die Schlucht von Mascùn mit dem Dorf Rodellar auf der linken Seite
Ein Eldorado für Kletterer
Rodellar ist ein kleines verschlafenes Dorf in der Sierra de Guara auf halbem Weg zwischen Baskenland und Barcelona. Erst die Schlucht des Mascún zieht das abgelegene Dorf in den Fokus von Canyoningbegeisterten und natürlich Kletterern und haucht dem Ort ordentlich Leben ein. Der Fluss formte genau hier in eine atemberaubende Landschaft und eine noch viel atemberaubendere Schlucht mit steilen Felswänden zu beiden Seiten. Deren bloßer Anblick lässt jedem Kletterer die Finger feucht werden. Natürlich ist Rodellar unter Kletterern kein unbekannter Ort und man muss dafür kaum Werbung machen. Dani Andrada eröffnete hier mit „Ali Hulk“ – eine der ersten 9bs. Witzig ist, dass sich diese Route an einem der wohl unscheinbarsten Orte in dieser Schlucht befindet. Viel beeindruckender scheinen die riesigen Wände und Überhänge von „Gran Boveda“ und die Felsentore und Dächer von „Las Ventanas“.

Die Sektoren „Las Ventanas“ und „El Delfin“ rechts oben und „Pince sans rire“ auf der linken Seite
Die zu allen Seiten sichtbaren großen Wände und Höhlen sind ein Eldorado für alle Kletterer. Sie bieten ein schier unerschöpfliches Potential, um sich die Arme lang zu ziehen. Dabei ist für fast jeden etwas geboten: Von geneigten Routen im 5. und 6. UIAA Grad bis zu horizontalen Dächern in den obersten Schwierigkeitsgraden ist alles dabei. Sowohl kurze als auch extrem lange Sportkletterrouten bis zu 50 Meter bieten Betätigungsfelder für Jedermann. Allerdings muss man zugeben, dass die Routendichte der langen und sehr steilen Routen deutlich überwiegt. Der immer präsente Schatten und die kühlen Fluten des Mascún zum Erfrischen zwischendurch lassen es hier im Sommer wunderbar aushalten. Der angenehme Wind tut sein Übriges.

Aufwärmen im Sektor „Bisagra“
Perfekte Reisezeit: Juni
Anders als meine bisherigen Besuche im August hatte der Besuch im Juni diverse Vorteile und machten das Gesamterlebnis im Klettergebiet Rodellar nochmals deutlich besser als es sowieso schon war. Die Außentemperaturen sind ähnlich warm wie im August, jedoch liegt der entscheidende Vorteil im Juni beim höheren Sonnenstand und dem damit verbundenen Schatten. Während im August Vormittags erst die eine und Nachmittags die andere Seite im Schatten liegt, ist im Juni der Schatten schon viel früher oder sofort auf der Nachmittagsseite und bleibt deutlich länger auf der anderen Seite.
Zum Klettern bedeutete das ein größeres Zeitfenster im Schatten und deutlich angenehmere Klettertemperaturen, da sich die Nachmittagswände erst gar nicht aufheizen. Ein weiterer Vorteil ist der deutlich geringere Andrang an Kletterern. Zur Ferienzeit im August tummeln sich die Kletterer in Hundertschaften und bald jede zweite Tour ist belagert, während im Juni vielleicht 20 bis 30 Seilschaften in der ganzen Schlucht zu finden waren. In manchen Sektoren waren wir zeitweise sogar ganz allein. Bessere Bedingungen bei weniger Leuten bescherte uns nur ein Problem. Mit welcher der vielen Routen sollten wir anfangen? Zu viele Linien und zu wenig Zeit: eindeutig ein Grund, um wieder zu kommen!

In der Tour „Gracias Fina“ (8a)
Aufwärmen an steilen Touren
Nach einer Woche Tauchurlaub in Thailand mussten wir erstmal wieder in Form kommen und durften die weiche Haut nicht gleich überstrapazieren. Zum Aufwärmen wählten wir deswegen ein paar steile und großgriffigere Routen in den Sektoren „Egocentrismo“ und „Boulder de Jon“ direkt unter dem Dorf. Obwohl sanft zu den Fingern, katapultierten jedoch die steilen und ausdauernden Routen den Laktatgehalt in den Unterarmen sofort in die Höhe. Zuviel durfte man von den ersten Tagen also nicht erwarten. Dennoch gelang am zweiten Tag im Sektor „Pince sans rire“ die 35 Meter lange und klassische „Gracias Fina“ (8a) und die etwas kürzere „Akelarre“ (7c+).

Fitness und Ausdauer fordert die Tour „El lado oscuro de la Fuerza“ (8a+)
Tapen, pumpen, beißen
Motiviert für mehr wollten wir am nächsten Klettertag schwerere Projekte angehen, doch schon am ersten Griff der Aufwärmroute riss die Haut der Fingerkuppe tief und blutig ein, was mir den Rest des 1,5-wöchigen Trips ein Tape bescherte. Im folgenden Versuch, die steile Route „El lado oscuro de la Fuerza“ (8a+) im Sektor „Las Ventanas“ zu bezwingen, musste ich einsehen, dass man den Spaniern in Sachen Ausdauer nichts vormachen kann. Auch die Fitness nach der Kletterpause war noch nicht zur Gänze zurück. Nach dem Einstiegsboulder am vierten Haken warf mich der Boulder am letzten Haken einige Male ab. Der Pump in den Armen war dort oben angekommen einfach schon zu groß und die schmerzende Haut der Finger ließ nur wenige Versuche zu. Nach einem Ruhetag inklusive Regeneration der Haut (Mein Tipp: Metolius Repair Balm) wurde ich noch einmal ganz oben abgeworfen, nachdem ich in den Umlenker hätte beißen können. Zum Einhängen war jedoch keine Kraft mehr übrig und es folgte der weite Abflug nach dem Runout vom letzten Haken. Zwei Versuche später konnte ich dann auf allerletzter Rille den Umlenker einhängen. Ich weiß nicht, ob die Freude die Route geschafft zu haben, größer war, oder die Erleichterung, die Qualen für Haut und Muskeln nicht mehr ertragen zu müssen.

Ein Foto-Highlight in Rodellar ist „La Crabita“ (8a)
Fotogene Erfolge
Genug der Qualen beschloss ich für die nächsten Routen zumindest einen halben Grad zurückzuschrauben. Die nun von Ana mittlerweile perfekt ausgeboulderte Route „La Crabita“ (8a), eine fotogene, lange und durchwegs rund 45 Grad überhängende Kante, konnte der mittlerweile wieder besser werdenden Fitness nicht lange standhalten. Ich kletterte die Tour im zweiten Versuch. Kurz darauf folgte Anas spektakulärer Durchstieg. Den gegenüberliegenden und sehr beliebten Klassiker „No bouchon spirit“ (8a) konnte ich in der schwereren Originalvariante ebenfalls im zweiten Versuch niederringen, direkt gefolgt von „La vara de Florentino“ (7c+). Auch Ana setzte erfolgreich einen Haken hinter die „…spirit“. In der Zwischenzeit bot uns der Sektor „El Camino“ mit seinen leicht überhängenden Routen in orangem Fels mit Routen von 6b bis 7b+ ein willkommenes Aufwärmgelände. Die vor Jahren schon einmal gekletterten Routen stellten sich noch immer als sehr lohnend dar.

Spektakulärer Torbogen „El delfin“ (7c+)
Auch der immer allgegenwärtige Torbogen „El Delfin“ (7c+), den wir schon vor 9 Jahren gekletterten hatten, zog immer wieder aufmerksame Blicke auf sich. Andere Sektoren wie z.B. „Bisagra“ und „La Palomera“ zeigten uns, dass sich das Gebiet noch immer lohnend weiterentwickelt.
Rodellar, wir kommen wieder!
Die Erfrischungen nach dem Klettern oder Ruhetage am kalten Fluss mit seinen Bademöglichkeiten und die herzliche und romantische Steinhütte des Refugio Kalandraka direkt an der Kante der wilden Schlucht erweckten schon nach wenigen Tagen Sehnsuchtsgefühle für diesen Ort. Die Entscheidung, bald wieder zu kommen, diesmal mit besserer Fitness, stabilerer Haut und vor allem mehr Zeit war sehr schnell getroffen. Noch so viele Routen warten hier auf erfolgreiche Begehungen, mehr als wir jemals klettern können.








