Pushing the Limits – Mein Weg zur ersten 8c
12/10/2018Im Lauf der Kletterkarriere setzt man sich so einige Ziele: Einmal die überhängende Wand in der Kletterhalle bezwingen, einmal am Fels ein 7a klettern, die erste 8a oder irgendwann die erste 8c? Irgendwann ist es soweit: Der Traum ist erfüllt, auch wenn er vor langer Zeit mal ganz unrealistisch war.
Ich fange hinten an:
Ich bin in Position für den finalen Zug. Bis hier her lief es perfekt und der Kopf ist frei. Jetzt aber sieht der Zielgriff aus, als sei er meilenweit weg. Im Training oder den Versuchen zuvor bin ich hier schon häufig gefallen. Jedes Mal ging es weit nach unten, weil ich die letzten Haken nicht mehr eingehängt habe. Diesmal sackt der Körper aber nicht ab und der Dynamo zündet. Fast schon unreal scheint der Moment als ich den Griff in der Hand halte. Die restlichen 5 Meter stoppen mich nicht mehr und nach und nach realisiere ich, dass ich soeben meine schwerste Tour zu Ende bringe, dass sich in diesem Moment mein Traum erfüllt. Ein Traum, den ich mir vor ein paar Jahren noch nicht einmal vorstellen konnte.

Martin Wagner klettert in „La Super canna“ 8b+
Zurück auf Anfang:
September 2018, die Saison des Klettergebiets mit meinem Projekt neigt sich dem Ende zu. Bald ist es zu nass oder zu kalt, um hier noch vernünftig klettern zu können. Jetzt hängt alles vom Wetter ab. Eine größere Regenperiode mit 2-3 Tagen starkem Regen und die Wand bleibt dauerhaft nass. Mein Projekt scheint machbar, aber wahrscheinlich nicht mehr dieses Jahr. Nächstes Jahr heißt es aber alle Züge neu zu lernen, jede Bewegung wieder aufs Neue zu optimieren, die spezifische Kraft wieder neu aufbauen. Etwas Druck besteht also, wenn man bedenkt, dass das Projekt 500 km von der Haustür entfernt liegt.
Aber warum genau diese Route und nichts was näher zuhause liegt?
Das Ziel, 8c zu klettern, war seit letztem Jahr definiert und diese Route tatsächlich greifbar. Die Route ist eine Kombination aus den schwersten Teilen zweier Routen, die ich bereits geklettert bin. Alles am Limit, jetzt nur noch etwas extremer und deutlich ausdauernder. Grund genug, den Fokus auch dieses Jahr auf dieses Gebiet zu legen. Wochenend- und Urlaubsplanung ließen es zu.
Ende September liegen noch 4 Klettertage vor mir, an denen ich die Tour mit Sicherheit sinnvoll probieren kann. Alles danach steht in den Sternen. Die Bedingungen sind optimal, die Sommerhitze ist gewichen und der kalte Nordwind lässt die Finger am trockenen Fels kleben. Nur zwei Tage zuvor hat der Südwind die feuchte Meeresluft an den Fels geklatscht. Gute Reibung und gute Versuche: Fehlanzeige. Jetzt klebt es aber und die ersten Meter in der Route fühlen sich gleich sehr stabil an. Häufig fehlt mir im ersten Versuch noch die Spannung für den ersten harten Boulder, dieses Mal scheint die Schwerkraft weniger nach unten zu ziehen und ich komme gleich im ersten Versuch des Tages über den ersten Teil der Route.
Bis hierhin ist es mir nur selten gelungen. Immerhin klettert man bis dort schon eine fast vollständige 8b+ Route. Ich fühle mich gut und bin erstaunlich wenig gepumpt. Viel Zeit zum Nachdenken bleibt aber nicht, denn erst die Hälfte der Route ist geschafft und es geht direkt weiter in den oberen Ausdauerteil. Jetzt muss man also die pumpige Ausdauercrux einer weiteren 8b+ meistern. Fehlerfrei und schnell komme ich am Rastpunkt an. Rastpunkt ist vielleicht etwas zu optimistisch ausgedrückt. In einer 45 Grad steilen Wand erlaubt ein Heelhook, dass man die Hände zweimal an kleinen Auflegerleisten ausschüttelt bevor es zum Finale kommt. Wirklich rasten kann man aber nicht.

Martin Wagner klettern in La Super Canna 8b+
Der Kopf ist frei, ich fühle mich gut.
Meine Chance, nun die Tour zu durchsteigen, besteht. Die Gedanken, wie oft ich dort oben schon gescheitert bin, sind nur noch irgendwo im Hinterkopf versteckt. Der Fokus liegt auf den nächsten 4 Zügen bis zum dynamischen Zug an den erlösenden Auflegerhenkel. An diesen 4 Zügen können sich die Arme auf einen Schlag aufpumpen. Dieses Mal fühlte es sich aber anders, besser, freier an. Ein unbeschreibliches Gefühl, als das Seil im Umlenker eingehängt ist.
Diese Route war eine besondere Herausforderung, da ich Maximalkraft und brachiale Ausdauer zur gleichen Zeit trainieren musste. Zum ersten Mal habe ich systematisch trainiert und versucht, speziell für diese Route die Kraft aufzubauen. Maximalkraftbouldern an kleinen Leisten, Leistenhängen, um die Finger zu stärken und Ausdauerkreiseln bis die Arme platzen. Hinter mir stand kein Trainer mit der Peitsche, sondern die reine persönliche Motivation für diese Route. 100 Mal bin ich die Route im Kopf Griff für Griff und Tritt für Tritt durchgegangen, um jedes Detail sofort parat zu haben. Auch andere Routen zum Ausdauer- oder Maximalkrafttraining näher vor der Haustüre haben ihren Teil getan. Der praktische Nebeneffekt war auch, noch andere schwere Routen klettern zu können und damit die Motivation zu behalten, auch wenn es im Hauptprojekt mal nicht so gut läuft. Den Körper quälen, um zufrieden und voller Motivation den Trainingsreiz zu spüren.
Wirklich eine 8c?
Aber gilt der neue Schwierigkeitsgrad 8c überhaupt, wenn man diesen als Erstbegehung erreicht? Sicher sein kann ich mir natürlich nicht. Noch nie bin ich eine 8c zuvor geklettert. Noch nie ist jemand diese Kombination geklettert. Bestätigung kommt also erst, sobald jemand die Route wiederholt. Was aber sicher ist, dass ich niemals zuvor so schwer geklettert bin. Sicher ist auch, dass man fast die vollständige „La Supercanna“ 8b+ klettern muss, um ohne Ruhepunkt direkt in den schweren Ausdauerteil der „La peste nera“ 8b+ (ehemals sogar schon 8c) zu kommen. Also 8b+ ohne Ruhepunkt auf 8b+(8c). Laut Locals, die beide Routen kennen, ja wohl mindestens 8c, wenn nicht schwerer.
Am Ende zählt für mich aber nicht nur der Grad, sondern die Linie, die meine Fähigkeiten auf die Probe gestellt hat. Der Weg, wie ich meinen Traum erfüllen konnte bzw. wie sich die Träume und Ziele entwickelt haben. Genauso wichtig ist aber das Miteinander am Fels oder in der Halle beim Trainieren. Mit Freunden unterwegs zu sein und sich gegenseitig zu motivieren und zu pushen macht für mich den Reiz des Kletterns aus. Meine Klettersucht und Motivation, schwer zu klettern, wird dadurch am besten gestützt. Der Wettkampf mit dem Fels, nicht der Wettkampf gegeneinander. So hat man deutlich bessere Chancen, zu gewinnen. Vor allem wenn man sich die Motivation mit Freunden, der Freundin oder der Frau teilen kann und sich über deren Erfolge genauso freut, wie über die eigenen.
Deshalb Danke an alle, mit denen ich dieses Gefühl teilen darf.

Martin Wagner klettert in „La super nera“ 8c








