Interview mit einem Bigwall Camper
21/06/2018
Marinus Gottwald beim Biwak in den Wänden des El Capitan
Marinus Gottwald ist 28 Jahre alt und lebt in Rosenheim. Sein Leben spielt sich so oft wie möglich in den Bergen ab. Er ist ein passionierter und sehr erfahrener Bergsportler und Kletterer, der schon unzählige Male unter freiem Himmel am Berg oder am Felsen geschlafen hat.
Marinus, vielen Dank, dass du Dir die Zeit für unser Interview nimmst. Da hatte ich richtig Glück dich noch zu erwischen, da du in zwei Tagen für längere Zeit zum Klettern unterwegs bist. Wohin geht es dieses Mal? Und was noch wichtiger ist, wo wirst Du dann schlafen?
Marinus: Ein Freund und Kletterpartner hat sich diesen Sommer bei unserem Ausflug ins Yosemite Valley zum Bigwall Klettern in Kalifornien verletzt. Damit hat er die Alpinsaison mehr oder weniger verpasst. Daher ist es an der Zeit, einen neuen Trip mit ihm zu starten. Unser Ziel heißt Korsika und Sardinien. Wir werden insgesamt fünf Wochen bleiben, um dort schwere Mehrseillängen-Routen zu klettern. Schlafen werden wir hauptsächlich im ausgebauten Auto und falls nötig auch mal in der Wand oder im Wald.
Verbringst Du häufig die Nacht unter freiem Himmel?

Die Dolomiten in Südtirol
Marinus: Mir ist es sehr wichtig, so viel Zeit wie möglich in der Natur zu verbringen. Außerdem ist es einfach super unter dem Sternenhimmel zu schlafen. Für mich hat es zudem den Vorteil, dass ich mich besser an die Außentemperatur gewöhne und dadurch robuster werde. Das ist sehr wichtig für meine Touren. Normalerweise schlafen wir immer im Schlafsack. Vor allem wenn die Basis nicht allzu weit entfernt ist oder wir bereits wissen, dass wir am nächsten Tag in eine höhere Wand einsteigen werden. Auch bei normalen Alpintouren ist der 2-Personen-Biwaksack immer im Rucksack, um in der Not gegen Kälte oder Regen geschützt zu sein.
Das hört sich alles sehr abenteuerlich an. Was war für Dich der verrückteste Ort an dem Du jemals draußen geschlafen hast und was war das für ein Gefühl?
Marinus: Die mit Abstand besten Biwaks hatten wir dieses Jahr im Yosemite Valley beim Versuch die Route „El Nino“ an einem markanten Felsvorsprung frei zu klettern. Man weiß genau, dass man die nächsten drei Tage in der Wand verbringen wird, was bedeutet, dass man auch zwei Nächte dort schläft. Somit hat man den Schlafsack und die Isomatte schon fix im Gepäck. Das Gefühl nach einem anstrengenden Klettertag ist unglaublich gut, wenn man dann erstmal im Schlafsack liegt, etwas gutes isst und die Aussicht genießen kann.
Du hast schon öfters an einer Felswand geschlafen. Mir wird nur beim Gedanken daran schwindelig. Kannst Du dich noch daran erinnern, als Du zum ersten Mal diese Erfahrung gemacht hast?

Die Bigwall des El Capitan im Yosemite Nationalpark
Marinus: Normalerweise planen wir mindestens einmal im Jahr eine sogenannten Big-Wall zu besteigen, in der man biwakieren muss. Es ist aber nicht notwendig dafür auf die andere Seite der Erde zu fliegen. Die Alpen sind direkt vor meiner Haustüre und die Dolomiten sind auch bloß vier Fahrstunden von meinem Wohnort entfernt. Dort gibt es auch durchaus interessante Wände von einer Höhe bis zu 1000 Metern, zum Beispiel das Marmolada-Gebiet im Trentino. Das erste Mal als ich ein geplantes Wand-Biwak hatte, war vor sieben Jahren. Es war eine wunderschöne Erfahrung drei Tage komplett aus der Zivilisation gezogen zu sein und die Natur auf sich wirken lassen zu können.
Da muss man aber schwindelfrei sein oder?
Marinus: Ja, um in einer Wand schlafen zu können sollte man definitiv schwindelfrei sein. Ansonsten ist man gestresst und bekommt die dadurch verlorene Energie nicht wieder zurück.
Hast Du beim Draußen schlafen manchmal Angst oder ein mulmiges Gefühl?
Marinus: Es kommt immer auf die Lage an! Wenn man beispielsweise erst sehr spät am Biwak-Platz ankommt und man weiß, dass der nächste Tag anspruchsvoll wird, hat man schon mal ein mulmiges Gefühl. Angst kommt normalerweise erst, wenn etwas Unvorhersehbares eintritt, wie ein ungeplantes Biwak. Dann ist es unbedingt erforderlich Ruhe zu bewahren, um die Situation bestmöglich meistern zu können.
Was muss man bei der Ausrüstung beachten, wenn man in den Bergen schlafen will?
Marinus: Am komfortabelsten ist es natürlich einen Schlafsack dabei zu haben. Wobei ein Biwak-Sack auch ausreichend ist, wenn man Fast & Light unterwegs ist und das Wetter passt! Für mich persönlich ist es eigentlich am wichtigsten immer eine Mütze dabei zu haben, da man am Kopf die meiste Wärme verliert und es unangenehm ist, wenn es einem in der Nacht um die Ohren pfeift. Die Stirnlampe sollte man natürlich auch nicht vergessen.
Welchen Tipp kannst Du unerfahrenen Wild-Campern geben, die noch nie eine Nacht unter freiem Himmel am Berg verbracht haben?
Marinus: Man sollte sich der Natur anpassen und unnötigen Lärm vermeiden, um den Tieren ihre Ruhe zu lassen. Besonders wichtig ist es auch, Müll wieder mit nach Hause zu nehmen. Es sollte auch immer genügend Wasser im Gepäck sein, da man sehr schnell dehydriert, wenn man den ganzen Tag unterwegs ist. Für Kletterer hätte ich noch das Anliegen, ihr Geschäft nicht direkt an ausgeprägten Biwak-Plätzen zu verrichten, da dies für folgende Seilschaften sehr unangenehm ist….
Was war Dein persönlich schlimmstes und was Dein coolstes Erlebnis beim Wild-Campen?
Marinus: Das unangenehmste Erlebnis war dieses Jahr in der Kletterroute Donnafugatta am Torre Trieste in den Dolomiten. Der Plan war es, die sehr lange und schwierige Tour auf zwei Tage zu klettern. Wir erreichten das Biwak in der Wandmitte schon sehr früh und die Sonne stand maximal in der Wand, was dazu führte, dass wir mehr Wasser benötigten als geplant. So wurde das Wasser schnell knapp und wir hatten am nächsten Tag nicht mehr die normal erforderliche Menge zu trinken. Das bedeutete, dass wir von Krämpfen geplagt weiterklettern mussten. Mein coolstes Wild-Camping-Erlebnis war in einem Portaledge im Yosemite-Nationalpark an einer 800 Meter hohen Wand zu schlafen. Man schläft in ca. 500 Metern Höhe, direkt gegenüber vom El Capitan. Das ist ein Wahnsinns Ausblick!!!! Besonders in der Nacht mit einem Sternenhimmel im Hintergrund!
Machen sich Deine Eltern und Freunde Sorgen, wenn Du in den Bergen campierst?
Marinus: Da meine Eltern früher genau das gleiche gemacht haben wie ich heute, wissen sie eh was los ist. Außerdem haben sie das nötige Vertrauen in mich und wissen auf was ich mich einlasse. So ist die Angst nicht allzu groß. Wobei sich meine Mutter schon immer sehr freut, wenn ich in einem Stück nach Hause komme. Mit meinen Freunden ist es nicht anders. Die wissen was los ist und wo wir uns umhertreiben, so wird auch im Anschluss immer nochmal kräftig gefeiert (lacht).
Wieviel Nächte im Jahr verbringst Du im Schnitt in den Bergen?
Marinus: Dieses Jahr ist es etwas anders als gewohnt, da ich mich gerade in einer „TIME-OUT“ Phase befinde. Somit habe ich sicher mehr Nächte in der Natur als im Bett verbracht.
Wo schläfst Du besser? In einem gemütlichen Bett oder draußen in der Natur?
Marinus: Wenn man einen guten Schlafsack sowie eine bequeme Isomatte hat, schläft man mindestens genauso gut wie im Bett. Wenn nicht sogar besser, weil man inmitten der Natur und an der frischen Luft ist. Das ist schon von der Schlafqualität her besser. Zudem kann man richtig gut abschalten und sich auf das Wesentliche konzentrieren.
Lieber Marinus, herzlichen Dank für Deine Zeit und dafür, dass Du Deine tollen und spannenden Wild-Camping-Erfahrungen mit uns geteilt hast. Weiterhin sichere Abenteuer und alles Gute für Deine alpine Zukunft.
Text: Margit Huber
Bilder: Marinus Gottwald








